Vortrag: Die Deportation Dürener Jüdinnen und Juden

Die Deportation Dürener Jüdinnen und Juden

Vortrag in der Stadtbücherei Düren am 6. März 2008
und in der Volkshochschule Düren am 20. März 2009

Vorbemerkung

Die Vorbereitungen

Entrechtung als Mieter, Enteignung/Arisierung
Konzentration in „Judenhäusern“
Sammellager, Zwangsarbeit, Kennzeichnungspflicht
Lokale Gemeinden und der „Centralverein“

Die Transporte

Die Phasen der Deportationen

Vorgänger: Die Polentransporte Oktober 1938; Transporte nach der Reichskristallnacht November 1938; „Wagner-Bürckel-Aktion“ Oktober 1940
Erste Welle: Litzmannstadt (Lodz)
Zweite Welle: Minsk, Kowno (Kaunas), Riga
Dritte Welle: Lublin, Warschau
Vierte Welle: Minsk, Riga, Theresienstadt

Der Ablauf

Die Organisation
Der Gestellungsbefehl
Die Sammelstelle
Die Fahrt

Die Vernichtung

Ghettos, Arbeitslager

Lodz/Litzmannstadt, Riga, Minsk, Izbica, Theresienstadt

Vernichtungs-Stätten

 

Vorbemerkung

»Ihr habt Recht, das Umziehen dürfte nun aufhören, hoffen wir das Beste!«
Else und Hermann Löwenstein
am 17.4.1942 aus der Napps Fabrik in Rölsdorf
an ihre Tochter Hilde Simon in Schweden

 

Von den fünf bis sechs Millionen Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs in Europa als Juden verfolgt und ermordet wurden, fand ungefähr die Hälfte nahe bei ihren Wohnorten im Osten des deutschen Herrschaftsgebiets den Tod. Große Teile einer jüdischen Bevölkerung, die damals im Deutschen Reich oder im Westen, Norden und Süden Europas zu Hause waren, sind aber zwischen 1941 und 1945, und zwar mit Hilfe der Eisenbahn, aus ihrer Heimat zu Lagern und Vernichtungsstätten ebenfalls im „Osten“ transportiert worden. Nur wenige dieser Menschen erhielten eine kurze Frist zum Leben, in der sie unter kaum vorstellbaren Bedingungen noch Zwangsarbeit leisten mussten; die Mehrzahl wurde bald nach dem Verlassen der Eisenbahnwagen erschossen, in „Gaswagen“ erstickt oder zu den Gaskammern der Vernichtungslager geführt.
Mindestens 265.000 Menschen wurden aus dem „Großdeutschen Reich“ in die Vernichtung deportiert, nicht gezählt die Emigranten, die in anderen Ländern noch zu Opfern der Transporte wurden. Dabei muss man konstatieren, dass gerade die Deportationen aus dem „Großdeutschen Reich“ lange Zeit zum großen Teil im Dunkeln lagen.
Was Sie heute Abend hören werden, stellt, zumindest für den lokalen Bereich, den Stand dessen dar, was wir bis jetzt wissen. Wir sind weit davon entfernt, an einem zufriedenstellenden Stand der Erkenntnis angelangt zu sein. Das liegt zum einen daran, dass die Überlieferung der staatlichen und kommunalen Körperschaften im Kreis Düren aus bekannten Gründen sehr lückenhaft ist, von irgendwelchen Dokumenten der jüdischen Gemeinden ganz zu schweigen. Zum anderen sind Jahrzehnte verstrichen, ehe sich private Forscher auf der einen, Städte und Gemeinden auf der anderen Seite dieses Themas annahmen. So lässt sich für unseren Raum erst seit Mitte der 80er Jahre, von Schultes Arbeiten einmal abgesehen, eine Reihe von Publikationen nachweisen, die sich monographisch mit der jüdischen Bevölkerung des heutigen Kreises Düren beschäftigen. Für unseren heutigen Themenbereich wichtig waren vor allem die Arbeiten von Regina Müller aus dem Jahre 1989 und die von Neomi Naor und Nika Robrock von 1994.
Diese Arbeiten hatten aber unter dem entscheidenden Manko zu leiden, dass in Bezug auf das endgültige Schicksal unserer ehemaligen jüdischen Mitbürger die Hauptquelle das 1986 vom Bundesarchiv herausgegebene Gedenkbuch darstellte, ein in vielerlei Hinsicht nicht zuverlässiges Werk, was seinen Wert keinesfalls schmälern soll. Tatsache ist jedoch, dass erst im Verlauf der 1990er Jahre, verstärkt noch durch das neue Instrument des Internet, Quellen zugänglich wurden, die eine gezielte und damit erfolgversprechende Suche möglich machten. Seit 2006 liegt die zweite, nunmehr mit ca. 150.000 Namen und vier Bänden stark ausgeweitete Ausgabe des Gedenkbuches vor, immer noch in vielen Punkten ein Ärgernis, aber immerhin um eine Reihe von Quellengruppen erweitert. Seit einigen Monaten ist die zugrundeliegende Datenbank im Netz nutzbar, wovon sich das Bundesarchiv vor allem seitens der lokalen Forscher viele Korrekturen und Ergänzungen erhofft.
Wir als Geschichtswerkstatt haben in den letzten Jahren eine eigene Datenbank aufgebaut mit dem Anspruch, dort alle jüdischen Mitbürger aus den alten Kreisen Düren und Jülich zu erfassen. Sie hat mittlerweile einen Bestand von über 6.500 Namen und ist, auch zur Vorbereitung des heutigen Abends, ein unerlässliches Hilfsmittel geworden. Mehr als 1.000 dieser Namen tragen einen Deportationsvermerk.
Und doch werden Sie im Laufe des Abends merken, dass ich allzu oft sagen muss: „Das wissen wir nicht“. Von daher hier an Sie die herzliche Bitte: Jede noch so kleine Information oder persönliche Erinnerung, jedes noch so unscheinbare Dokument kann ein kleiner, wertvoller Mosaikstein sein.

 

Die Vorbereitungen

Entrechtung als Mieter, Enteignung/Arisierung

Durch das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30.04.1939 werden die „gesetzlichen“ Voraussetzungen geschaffen, Juden in einzelnen Häusern zusammenzufassen. Das Gesetz besagte im Wesentlichen:

Juden genießen gegenüber einem nichtjüdischen Vermieter keinen gesetzlichen Mieterschutz, wenn der Vermieter durch eine Bescheinigung der Gemeindebehörde nachweist, daß die anderweitige Unterbringung des Mieters gesichert ist. […] Ein Jude hat in ihm gehörigen oder ihm von einem Juden vermieteten Wohnräumen auf Verlangen der Gemeindebehörde andere Juden als Mieter oder Untermieter aufzunehmen. Juden dürfen leerstehende oder freiwerdende Räume nur mit Zustimmung der Gemeindebehörde neu vermieten. […] Juden erhalten nur ausnahmsweise Räumungsfristen.

In Verbindung mit der seit 1935 bestehenden Verpflichtung der jüdischen Gemeinden und Organisationen, Listen ihrer Mitglieder zu führen und diese an die kommunalen Stellen abzugeben, war eine lückenlose Erfassung und Konzentration der noch im Gemeindegebiet lebenden Juden kein Problem. Der entsprechende Durchführungserlass vom 04.05.1939 spricht eine deutliche Sprache:

Die Gemeinde soll in die Lage versetzt werden, für die planmäßige Lösung von Mietverhältnissen mit Juden zu sorgen, ohne daß eine Obdachlosigkeit jüdischer Familien eintritt. Gemäß §12 des Gesetzes ist zunächst eine Anmeldung des in Frage kommenden Wohnraums durch Nichtjuden (an Juden vermieteter Wohnraum) und Juden (an Nichtjuden vermieteter Wohnraum, an Juden vermieteter, eigener, leerstehender und frei werdender Wohnraum) anzuordnen. Danach ist der Austausch in die Wege zu leiten. In jüdischem Eigentum stehende Häuser sind für Judenwohnungen zu bevorzugen; Ghettobildung ist aber nicht erwünscht. Anwendung von Zwang nur, wenn ein Bedürfnis dazu besteht. Soweit erforderlich, kann der den Juden zur Verfügung zu stellende Raum eingeengt werden, insbesondere durch Unterbringung mehrerer jüdischer Familien in von Juden bewohnten größeren Wohnungen.

Parallel dazu nahm die Zahl derjenigen Häuser, die sich in jüdischem Besitz befanden, rapide ab. Eine Aufstellung der zwischen 1938 und 1943 in Düren zwangsweise verkauften Häuser umfasst 51 Adressen, deren Besitzer meist von dem auf ein Sperrkonto einzuzahlenden Verkaufserlös keinen Pfennig zu sehen bekamen.

»Arisierungen« von Häusern und Grundstücken in Düren im Zeitraum von 1938 bis 1943

Berlin, Elisabeth, Schulstraße 33
Berlin, Alfred und Josef, Alte Jülicher Straße 9
Block, Josef und Johanna, Mittelstraße 38
Cahn, Isidor und Lazarus, Rosa, Schulstraße 4
Capell, Josef und Amalie, Kölnstraße 72
Capell, Bertha, Pletzergasse 12
Capell, Bertha geb. Arensberg, Neue Jülicher Straße 7
Daniel, Abraham und Rosa, Höfchen 1
Ehrmann, Ernst und Erna, Bergstraße 35
Eschelbacher, Oskar und Selma, Zehnthofstraße 19
Falk, Julie, Rosa und Moritz, Oberstraße 59
Fromm, Regina, Wirtelstraße 11, Paradiesplatz 5
Fromm, Sally und Recha, Merzenicher Straße 50
Geisel, Isidor und Johanna, Chlodwigplatz 3
Gerson, Julius und Frieda, Weierstraße 54 und 56
Goldschmidt, Sally und Regina, Wirtelstraße 37
Gordon, Philipp und Emma, Alte Jülicher Straße 27
Gordon, Emilie und Hermann Gordon, Josef und Selma, Kölnstraße 36
Horn, Bernhard und Anna, Schenkelstraße 22
Kann, Emma, Horst-Wessel-Straße 15
Keusch, Albertina, Gutenbergstraße 16
Kaufmann, Sally, Van-der-Giese-Straße 29
Knopfmacher, Minna, Kreuzstraße 53
Kreuzer, Willi und Martha, Marktplatz 4
Lachs, Klara, Hermann, Paula und Else, Friedenstraße 7
Lachs, Olga, Kölnplatz 9
Leiser, Gustav, Adolf-Hitler-Straße 70/72
Leven, Augusta, Hohenzollernstraße 13
Levy, Bernhard und Helene, Kölnstraße 28
Lichtenstein, Hermann und Paula, Wilhelmstraße 15
Loeb, Leo-Mathias und Elisabeth, Nideggener Straße 143
Loew, Otto und Henriette, Langemarckstraße 16
Löwe, Ida, Schenkelstraße 13
Löwenstein, Herrmann und Else, Holzstraße 42
Marx, Dr. Karl, Wirteltorplatz 2
Marx, Moritz und Hanna, Tivolistraße 19
Marx, Rudolf und Anna, Roonstraße 29
Mayer, Adolf und Flora, Kölnstraße 85 a
Mayer, Viktor und Johanna, Bonnerstraße 8
Mayer, Minna, Ernst und Sidonie, Weierstraße 14
Meyer, David und Sara, Bergstraße 44
Meyer, Emilie, Adolf-Hitler-Straße 52 b
Nathan, Wilhelm und Hilde, Schafweg 1
Ochs, Theodor und Rosa, Langemarckstraße 16
Oppenheim, Max, Goebenstraße 2
Schnitzler, Eduard und Paula, Schenkelstraße 24
Stein, Julia, Kämergasse 22
Ullmann, Alfons und Julia, Kölnstraße 111
Ullmann, Eduard, Kölnstraße 76
Wertheim, Sally und Mathilde, Höfchen 10

Quelle: Naor/Robrock, Erinnerung, S. 68ff.

Konzentration in „Judenhäusern“

 

Natürlich gelang es den Behörden nicht, alle noch in Düren verbliebenen Juden in dieser Zeit in wenigen Häusern zu konzentrieren. Trotzdem herrschte in den drei uns bekannten „Judenhäusern“ drangvolle Enge. So wohnten z.B. in der Gutenbergstraße 16 nicht weniger als 18 Personen. Weitere "Judenhäuser" befanden sich in der Bergstraße 35 und in der Hohenzollernstraße 13.

Sammellager, Zwangsarbeit, Kennzeichnungspflicht

Die nächste Stufe der Vorbereitung zur Deportation war die Konzentration der meisten jüdischen Mitbürger in den Sammellagern der Kreise Düren und Jülich. In der Chronik des Amtes Inden heißt es dazu:

>Durch Verfügung des Herrn Landrates in Jülich vom 15.3.1941 wurden sämtliche Juden, die noch im Kreise Jülich wohnten, aufgefordert, ihre Wohnungen zu räumen und bis zum 24.3.1941 mittags 12 Uhr in Kirchberg (Villa Buth) Wohnung zu nehmen. Es handelte sich um insgesamt 96 Juden, die daraufhin die Villa Buth in Kirchberg als Wohnung bezogen. Der Ortspolizeiverwalter in Inden erließ (auf Anordnung des Landrats) für die Juden unterm 12. April 1941 eine Anordnung, ‘in welcher der Aufenthalt sowie der Ausgang für die Juden in Kirchberg geregelt war’.

Am 2. April 1941 schrieb sein Dürener Kollege, Landrat Theodor Beaucamp, an die Gemeindeverwaltungen des Kreises:

In Kürze werden die jüdischen Familien im Kreise aus ihren bisherigen Wohnungen entfernt (...) werden (...) Zu dem Zweck bitte ich mir umgehend die Namen und Anschriften der jüdischen Haushaltungsvorstände in Ihrem [Amts-]Bezirk zu berichten (...) Bei Mischehen bleibt die Familie von der Umsiedlung ausgenommen, wenn der männliche Teil deutschblütig ist.,

um am 29. April zu konkretisieren:

Als Unterbringungsräume kommen die Gerstenmühle in Düren, das Gebäude Napp in Düren-Rölsdorf und die alte Mühle in Lendersdorf in Frage. Der Landrat übersendet im Auftrag der Staatspolizeistelle den einzelnen jüdischen Familien über die Polizeiverwaltungen die Umzugsanordnungen. Die jüdische Gemeinde verteilt die jüdischen Familien auf die ihr zugewiesenen Quartiere. Die jüdische Gemeinde führt die Freimachung der bisherigen jüdischen Wohnungen durch. Sie überwacht die Unterbringung und Verwahrung der Möbel auf den Lägern und mietet diese ihrerseits an. (...) Sämtliche Umzugskosten tragen die Juden[!] (...) In die frei werdenden Wohnungen (...) weisen die Herren Amtsbürgermeister im Benehmen mit dem Ortsgruppenleiter deutsche Volksgenossen ein.

Den Erhalt der „Umzugsanordnung“ mussten die Empfänger quittieren. Für die treuhänderische Verwaltung des jüdischen Grundbesitzes im Kreis Düren setzte der Landrat den Dürener Rechtsanwalt Matthias Dorr ein.

Der Dürener Lambert Derichs notiert in seinem Tagebuch:

Am 24. und 25. April [1941] wurden die jüdischen Bewohner Dürens in der alten Gerstenmühle kaserniert. Aus ihren bisherigen Privatwohnungen durften sie Möbel für 1 Zimmer mitnehmen. Das übrige bewegliche Eigentum soll versteigert werden, die eigenen Häuser wurden beschlagnahmt und enteignet. Aus dem Erlös für diese Vermögenswerte wird den Familien eine monatliche Unterstützung zum Lebensunterhalt gezahlt. Das Essen soll aus einer Gemeinschaftsküche bezogen werden.

Anfang April 1941 gab der Kreisleiter der NSDAP, Peter Binz,

unter lebhaftem Beifall bekannt, daß Düren nach dem 30. April judenfrei sein würde. Das gesamte deutsche Volk werde sich frei von ihnen machen und sich die Seele entlasten.

Allem Anschein nach gelang es den Behörden aber nicht, alle Juden in kürzester Zeit in den Lagern zu konzentrieren. So erinnert sich eine Zeitzeugin, dass „die Fräuleins Adele Hermann und Adele Meyer“ noch am 19. Oktober 1941 von zwei SA-Männern zu Fuß von Frenz nach Langerwehe gebracht wurden, um von dort wahrscheinlich in eins der Dürener Lager zu kommen. Und auch die Eintragung in der Schulchronik von Hochkirchen

Im Laufe des Herbstes 1941 sind wir hier in Hochkirchen, endlich die hier ansässigen Juden losgeworden.

legt die Vermutung nahe, dass der Prozess der Konzentration in den Sammellagern längere Zeit in Anspruch nahm als zunächst geplant. Dabei lässt sich auch eine Zuordnung der Gemeinden auf einzelne Sammellager nicht immer durchführen. So sind z.B. Juden aus dem Nideggener Stadtgebiet nachweislich nach Kirchberg gekommen, Juden aus Nörvenich in die Thuirs Mühle.

Und natürlich gab es auch Versuche, sich der Einweisung in die Sammellager zu entziehen – durch Flucht oder durch Untertauchen, wie dies beispielsweise für den Dürener Josef Stock bezeugt ist, der sich monatelang an wechselnden Orten in der Stadt versteckt hielt und dabei von einem Dürener Gastwirtsehepaar mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt wurde. Seinen Kindern schrieb er am 22.11.1941:

In dem Moment, wo ich diesen Brief schreibe, liebe Kinder, weiß ich nicht mehr, ob ich Euch noch mal sehe … aber heute kann ich es schon sagen, … lieber will ich nicht mehr leben als dazwischen leben und alles mitmachen müssen. Also liebe Kinder, nehmt Eurem Vater es nicht übel, was er tat; ich konnte nicht mehr anders …“

Der Gestapo konnte auch er nicht entgehen. Augenzeugenberichten zufolge nahm er sich während der Deportation am 25.07.1942 in der Nähe von Groß-Königsdorf das Leben. Selbstmord als letzte Konsequenz wählte auch Berta Capell, am 22.03.1882 in Düren geboren, die am 25. April 1941 den Tod durch Erhängen nach einer Überdosis Schlafmittel dem Leben in der Gerstenmühle vorzog.
Ob parallel zur Einweisung in die Lager die Judenhäuser aufgelöst wurden, erscheint fraglich. So ist die Familie des Kinderarztes Dr. Karl Leven erst Ende 1941/Anfang 1942 aus ihrem Haus in der Hohenzollernstraße 13 geworfen worden, allerdings wurden sie nach Aachen verbracht, zunächst in das Barackenlager am Grünen Weg, später in das Ghetto an der Eupenerstraße, von wo aus sie deportiert wurden.
Dagegen sieht es fast so aus, als ob die Bewohner des Hauses Gutenbergstraße 16 geschlossen in die Napps Fabrik in Rölsdorf umsiedeln mussten.

Für das Lager in Kirchberg sind uns sogenannte „Verhaltensmaßregeln“ überliefert, die so oder so ähnlich mit Sicherheit auch für die anderen Lager gegolten haben:

1) Das Verlassen des Ortes Kirchberg ist nur zulässig mit schriftlicher Genehmigung des Ortspolizeiverwalters in Inden (...) 2) Es wird den in Kirchberg (Villa Buth) wohnenden Juden gestattet, in der Zeit von 8-11 Uhr, Sonn- und Feiertags nur von 8-10 Uhr, auf den vom Ortspolizeiverwalter in Inden nachstehend angegebenen Wegen sich aufzuhalten bezw. zu bewegen (...) 3) Der Einkauf ist nicht von jedem einzelnen Juden zu tätigen (...) 4) Für den Fall, dass die Anordnungen zu 1-3 nicht ordnungsmässige und pünktl. Beachtung finden sollten, haben die Übertretenden mit strengen staatspolizeilichen Massnahmen zu rechnen.

Die Zustände in diesen Sammellagern, das kann man sich vorstellen, waren menschenunwürdig und boten einen Vorgeschmack auf das, was ihren Bewohnern noch bevorstand.
Von einer Augenzeugin, die dort eine Bekannte besuchte, wird die Gerstenmühle beschrieben:

Da stand ein großes Gebäude, das einem wenn man es betreten hatte, vorkam wie ein Krankenhaus. Ich ging durch einen langen Gang, der rechts und links viele Räume hatte und jedesmal, wenn ich ein Geräusch verursachte, kamen aus jedem dieser Räume, gleich ein oder mehrere Juden und schauten mich an. Frau Schwarz (Witwe Philip Schwarz) lebte in einem Kellerraum, dessen Fenster nur sehr wenig Licht herein ließen. In dem Raum standen nur ein Bett und ein kleines Tischchen.

Von dem wenigen, was den Juden auf Lebensmittelkarte zustand, konnten sie nicht leben. Glücklicherweise konnte man in die Gerstenmühle, deren Haupteingang von SA bewacht war, über das benachbarte Grundstück einer Gärtnerei gelangen, so dass es möglich war, zusätzliche Lebensmittel hereinzubringen. Auch von der Thuirs Mühle in Lendersdorf sind solche nachbarschaftlichen Hilfeleistungen bezeugt.

Der Abtransport aus den Lagern zum Dürener Bahnhof zwischen Oktober 1941 und Juli 1942 spielte sich dabei in aller Öffentlichkeit ab. Von Lendersdorf z.B. fuhr eine Straßenbahn mit einem angehängten Sonderwagen, von Kirchberg aus wurden die Lagerbewohner mit offenen Lastkraftwagen fortgeschafft. Dann war das Werk, zumindest in den Augen der lokalen Behörden, vollbracht, wie es die Gemeindechronik Inden formuliert:

Die Judenabwanderung nach dem Osten von Kirchberg aus erfolgte in mehreren Transporten in den Monaten März bis Juli 1942. Am 25. Juli 1942 wanderten die letzten in Kirchberg untergebrachten Juden nach dem Osten aus.

Blieb nur noch, die letzten Reste der Hinterlassenschaft zu verwerten. Aus dem Tagebuch des Jülichers Josef Felder vom 17. August 1942:

Ein Augenzeuge berichtet, im Nachbarort Kirchberg seien heute die Wohnungseinrichtungen der vor einiger Zeit abgeschobenen Juden (Aufenthaltsort unbekannt) an kinderreiche Familien aus der Umgebung verkauft worden. Es habe viele Interessenten und Käufer gegeben (...) Die Preise seien günstig gewesen.

Lokale Gemeinden und der „Centralverein“

Die Organisation der Deportation und ihrer Vorbereitungen lag federführend in den Händen des Referates IV b 4 im Berliner Reichssicherheitshauptamt, dem Adolf Eichmann vorstand. Er bediente sich der Gestapo mit ihren Leitstellen (für unseren Bereich Düsseldorf), die wiederum Befehle an die Landräte erteilte. Auf kommunaler Ebene wurde zur Erfassung der noch im Großdeutschen Reich verbliebenen Juden, bisweilen auch zur Zusammenstellung der Transportlisten die lokale jüdische Gemeinde herangezogen – wenn sie denn noch existierte.
Für Düren lässt sich eine funktionierende jüdische Gemeinde spätestens seit der Zerstörung der Synagoge als wenig wahrscheinlich annehmen. Trotzdem scheint ihr letzter Vorsteher, der Fabrikant Hermann Löwenstein, bis kurz vor seiner eigenen Deportation im Sommer 1942 mit administrativen Aufgaben befasst gewesen zu sein. So schreibt er am 25. März 1942 an seinen Schwiegersohn Curt Simon in Stockholm:

Mutter und ich sind gesundheitlich soweit in Ordnung und haben wahnsinnig viel Arbeit. […] Ich habe sehr viel Büroarbeit, sodass ich überhaupt nicht zum Denken komme. Und das ist gut so.

und zwei Tage später an seinen anderen Schwiegersohn, Dr. Hartwig Löwenherz, ebenfalls in Stockholm:

Mutter arbeitet angestrengt aber fabelhaft seit Hedi fort ist, leider kann ich ihr nicht helfen, da ich teilweise für die Gemeinde viel Arbeit und Ärger habe, die andere Zeit ruhen muss, da die Aufregungen auch an mir nicht spurlos vorüber gegangen sind.

Kurz nach der „Wannsee-Konferenz“ hatte Eichmann mit dem „Geheimen Schnellbrief“ vom 31. Januar 1942 zur Vorbereitung weiterer Deportationen eine genaue Erfassung der noch im Großdeutschen Reich verbliebenen Juden angeordnet. Die exakten Zahlen sollten ihm bis zum 9. Februar gemeldet werden. Ausgenommen von der Erfassung waren
a) in deutsch-jüdischer Mischehe lebende Juden
b) Juden ausländischer Staatsangehörigkeit
c) im geschlossenen kriegswichtigen Einsatz befindliche Juden
d) Juden über 65 Jahre und solche zwischen 55-65 Jahre, die besonders gebrechlich und daher transportunfähig sind.
Aus der unter Berücksichtigung dieser Kriterien gemeldeten Gesamtzahl werde sich das spätere Transportkontingent ergeben.
Möglicherweise musste auch Hermann Löwenstein an der Erstellung solcher Listen mitwirken. Sie sind für unsere Region nicht erhalten.

Die Transporte

Die Phasen der Deportationen

Vorgänger: Die Polentransporte Oktober 1938; Transporte nach der Reichskristallnacht November 1938; „Wagner-Bürckel-Aktion“ Baden/Saarpfalz Oktober 1940

Lassen Sie mich zunächst einige generelle Bemerkungen machen zu dem Vorgang, den wir mit dem Begriff „Deportation“ bezeichnen. Gewöhnlich assoziieren wir damit den Transport von jüdischen Menschen in die Vernichtungslager, die unter dem Namen „Auschwitz“ zusammengefasst werden.
Die Geschichte der Massentransporte beginnt allerdings schon Jahre früher. Ende Oktober 1938 entschloss sich die deutsche Reichsregierung, etwa 12-17.000 polnische Juden, die teilweise seit vielen Jahren im Reichsgebiet lebten, nach Polen auszuweisen und transportierte sie zum großen Teil mit der Reichsbahn an die Grenze nach Polen. Ein Transport von Köln aus soll etwa 600 Menschen umfasst haben. Zu den Abgeschobenen gehörten auch die Eltern jenes Herszel Grynszpan, der am 7. November 1938 in Paris das Attentat auf den deutschen Diplomaten vom Rath verübte und so den Nazis den Vorwand für die Inszenierung der „Reichskristallnacht“ bot.
Auch Bernhard Breschinski, Inhaber des Schuhgeschäftes „Wertheim“ am Wirteltorplatz, gehörte zu den Ausgewiesenen. Er durfte jedoch, wie seine Tochter Rosa berichtet, später für einige Wochen nach Deutschland zurückkehren, um die Emigration der Familie nach Chile vorzubereiten. Leider erhielt die Familie nur zwei Visa, Vater und Tochter konnten ausreisen, die Mutter blieb zurück und wurde 1942 aus Düren deportiert.
Zwei Wochen nach der „Polenaktion“, am 10. November 1938, erfolgte mit der Verhaftung und anschließenden Verbringung von 26-30.000 männlichen deutschen Juden in drei deutsche Konzentrationslager (Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen) die nächste „Fingerübung“ der Nazis in Sachen Massendeportation. Auch aus dem Kreisgebiet Düren wurden mehrere Dutzend jüdische Männer zwischen 15 und 65 Jahren nach Buchenwald und Sachsenhausen gebracht (siehe Verhaftungslisten).
Sie wurden in der Regel nach einigen Wochen entlassen mit der Auflage, ihre baldige Auswanderung zu betreiben.

Ich muss mit einem möglicherweise bestehenden Missverständnis aufräumen: Zu diesem Zeitpunkt, also Ende 1938, stand für die Nazis keineswegs fest, was mit den deutschen bzw. europäischen Juden zu geschehen hatte. Priorität hatte weiterhin die Auswanderung, verbunden mit der vorhergehenden Ausplünderung der Emigranten. Daneben existierten immer wieder Pläne zur „Aussiedlung“, darunter so abenteuerliche wie der „Madagaskar-Plan“, aber von der „Endlösung“ im späteren Sinne war noch nicht die Rede.
Dafür spricht u.a. auch die Durchführung der sog. „Wagner-Bürckel-Aktion“ im Oktober 1940, bei der mehr als 6.500 Juden aus Baden und der Saarpfalz in das französische Internierungslager Gurs am Rande der Pyrenäen deportiert wurden. Anders als die oben beschriebenen umfasste dieser Transport jetzt auch Frauen, Kinder und alte Leute, sogar Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges. Zu diesen Deportierten gehörten u.a. die in Mannheim wohnende Dina Moses geb. Capell, geb. am 7.7.1854 in Jülich – mithin 86 Jahre alt –, und die in Speyer lebende Ruth Kling geb. Goldschmidt, geb. am 10.1.1906 in Düren. Etwa 1.000 von ihnen starben in diesem und anderen Pyrenäen-Lagern, 1.500 konnten fliehen oder auswandern, die verbliebenen 4.000 wurden ab Mitte 1942 über das Lager Drancy nordöstlich von Paris deportiert, meist nach Auschwitz. Dieses Schicksal ereilte u.a. Siegbert Kann, den älteren Bruder von Ludwig Kann, einem der wenigen nach dem Krieg nach Düren zurückgekehrten Juden.
Es gab noch eine Reihe weiterer Transporte, so z.B. aus Wien nach Polen im Frühjahr 1941, die man dieser ersten Phase zurechnen kann, auch wenn sie schon Merkmale der späteren Transporte zeigen. Erst mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 jedoch ergab sich für die Nazis auch eine räumliche Perspektive zur Verschleppung einer größeren Anzahl von Juden in den Osten Europas. Mit dem ersten Wiener Transport vom 15. Oktober 1941 nach Litzmannstadt (Lodz) begann jene zweite Phase der Deportationen, die noch von größeren organisatorischen und technischen Unzulänglichkeiten geprägt ist, die man aber schließlich im Frühjahr 1942 weitgehend abgestellt hatte. Es schloss sich die dritte und finale Phase der reibungslosen und massenhaften Transporte aus nahezu allen europäischen Ländern in die Ghettos, Arbeits- und Vernichtungslager des Ostens an.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich in der zweiten Jahreshälfte 1941, sicherlich auch geprägt von den Anfangserfolgen im Krieg gegen die Sowjetunion, jene Grundlagen der „Endlösung“ ausbildeten, die in den Protokollen der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 ihren schriftlichen Niederschlag fanden.
Erlauben Sie mir zum Schluss dieses einleitenden Überblicks noch zwei Bemerkungen: Ich sprach vorhin davon, dass für die meisten von uns „Auschwitz“ zum Synonym für die Deportation und Vernichtung der europäischen Juden geworden ist. Es wird dann vielleicht erstaunen, dass kein einziger Dürener von hier aus direkt nach Auschwitz deportiert worden ist. Eine zweite Bemerkung gilt der Quellenlage. Wenn wir heute einigermaßen genau wissen, wer von Köln aus nach Litzmannstadt, Riga, Minsk oder Theresienstadt deportiert worden ist, so verdanken wir das einem geradezu aberwitzigen Zufall. Natürlich waren von all diesen Transporten genaue Listen angefertigt worden. Eine der letzten Anweisungen des Nazi-Regimes beinhaltete jedoch die Vernichtung all dieses Beweismaterials, damit es nicht den späteren Siegermächten in die Hände fallen sollte. Nun hatte sich ein eifriger Verfechter der Nazi-Rassenidee, ein gewisser Dr. Karl Wülfrath, zu Zwecken der „Ahnenforschung“ Kopien der Deportationslisten anfertigen lassen, die nach seinem Tode im Rahmen seines „sippenkundlichen“ Nachlasses an das Märkische Museum in Witten gelangten. Dieter Corbach konnte sie 1994 im Rahmen seines Buches „6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz“ veröffentlichen.

Erste Welle: Litzmannstadt
20 Transporte    15.10.-03.11.1941
Köln 22.10.1941
Düsseldorf 27.10.1941
Köln 30.10.1941

In der Forschung zu den Deportationsvorgängen hat es sich mittlerweile durchgesetzt, von verschiedenen „Wellen“ zu sprechen, die sich in den Zielen und Methoden unterscheiden, aber auch beispielsweise durch aus militärischen oder transporttechnischen Gründen eingelegte Pausen voneinander getrennt werden. Die erste Welle umfasst dabei die 20 Transporte aus den wichtigsten Städten „Großdeutschlands“ (das ist das „Altreich“, Österreich und das „Protektorat“ Böhmen und Mähren) in das Ghetto Litzmannstadt, beginnend mit dem Wiener Transport vom 15. Oktober 1941 und endend mit dem Prager Transport vom 3. November 1941. Mit ihnen wurden rund 20.000 Menschen in das ohnehin hoffnungslos überfüllte Ghetto deportiert. Ursprünglich sollten es sogar 60.000 sein, dagegen hatten sich jedoch der zuständige Gauleiter Greiser und andere lokale Behörden mit Erfolg gewehrt. Auf das Ghetto und die dort herrschenden Zustände werden wir später noch zurückkommen.
Uns interessieren an dieser Stelle drei Transporte: Die beiden von Köln am 22. und 30. Oktober und der von Düsseldorf am 27. Oktober abgehende mit insgesamt rund 3.000 Menschen aus unserer Region. Darunter befanden sich nach unseren bisherigen Erkenntnissen mindestens 80 Deutsche jüdischen Glaubens, die in irgendeiner Beziehung zum Gebiet des heutigen Kreises Düren standen [s. Listen]

Zweite Welle: Minsk, Kowno, Riga

32 Transporte      08.11.1941-06.02.1942
Düsseldorf-Minsk  10.11.1941
Köln-Riga 07.12.1941
Düsseldorf-Riga 11.12.1941

Schon vor Beginn der ersten Transporte nach Litzmannstadt hatten sich die entsprechenden Abteilungen des für die Deportationen zuständigen Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) nach weiteren „Aufnahmemöglichkeiten“ für die „umzusiedelnden“ Juden umgesehen und fanden sie in der besetzten Sowjetunion. Das Deportationsziel Minsk lag damals im „Generalkommissariat Weißruthenien“ des „Reichskommissariats Ostland“ und befand sich damit unter deutscher Zivilverwaltung. Mit dem ersten Transport von Hamburg nach Minsk am 8. November 1941 beginnt die zweite Deportationswelle.
Ursprünglich sollte das Minsker Ghetto rund 25.000 deutsche, österreichische und tschechische Juden aufnehmen. Nach den ersten 7 Transporten trat jedoch wegen der „katastrophalen Eisenbahntransportlage der Heeresgruppe Mitte“ eine Unterbrechung ein, die nächsten 5 Züge wurden nach Kowno bzw. Kaunas in Litauen im besetzten Baltikum umgeleitet. Lina, Herta und Toni Danelius, geboren zwischen 1898 und 1902 in Düren, wurden am 17.11.1941 von Berlin dorthin deportiert.
Es folgten bis zur „weihnachtlichen Verkehrssperre“ die ersten 10 Züge nach Riga, vom 9. Januar bis 6. Februar 1942 weitere 10. Damit umfasste die zweite Deportationswelle insgesamt 32 Transporte, davon aus unserer Region am 10. November 1941 von Düsseldorf nach Minsk, am 7. Dezember von Köln und am 11. Dezember 1941 von Düsseldorf nach Riga. In diesen drei Transporten befanden sich insgesamt mindestens 80 Menschen mit Beziehungen zum heutigen Kreis Düren [s. Listen].
Generell lässt sich zu den bis jetzt aufgeführten Transporten im Hinblick auf Düren Folgendes zusammenfassen: Die Transporte gingen alle in bestehende Ghettos, deren ursprüngliche Bevölkerung in der Regel zum Teil ermordet wurde, um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen. Die Insassen dieser Transporte wurden allem Anschein nach zunächst aus den Großstädten rekrutiert, aus jenen Großstädten, in deren vorgeblichen Schutz durch Anonymität sich kurze Zeit vorher auch viele (Kreis-)Dürener geflüchtet hatten.

Dritte Welle: Lublin, Warschau

43 Transporte      11.03.-15.06.1942
Koblenz-Izbica 22.03.1942
Düsseldorf-Izbica 22.04.1942
Koblenz-Krasniczyn  30.04.1942
Koblenz-Sobibor 15.06.1942

Mit einem Schnellbrief vom 31. Januar 1942, resultierend aus den Ergebnissen der Wannsee-Konferenz, leitete Eichmann die nächste, die dritte Welle der Deportationen ein:

Die in der letzten Zeit in einzelnen Gebieten durchgeführte Evakuierung von Juden nach dem Osten stellen den Beginn der Endlösung der Judenfrage im Altreich, der Ostmark und im Protektorat Böhmen und Mähren dar.
Diese Evakuierungsmaßnahmen erstreckten sich zunächst auf besonders dringliche Vorhaben, so daß nur ein Teil der Staatspolizei(leit)stellen bei den abgewickelten Teilaktionen angesichts der beschränkten Aufnahmemöglichkeiten im Osten und der Transportschwierigkeiten berücksichtigt werden konnte.
Zur Zeit werden neue Aufnahmemöglichkeiten bearbeitet mit dem Ziel, weitere Kontingente von Juden aus dem Altreich, der Ostmark und dem Protektorat Böhmen und Mähren abzuschieben.

Solche „Aufnahmemöglichkeiten“ waren bald im polnischen Bezirk Lublin südöstlich von Warschau gefunden. Hinter der Bezeichnung „Trawniki“ für den offiziellen Zielbahnhof verbargen sich Ortschaften wie Izbica, Piaski, Rejowiec, Zamosc und andere, die von der nicht-jüdischen Bevölkerung „gesäubert“ worden waren und nun als Ghettos fungierten. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der arbeitsfähigen Männer wurde direkt vom Lubliner Bahnhof ins Lager Majdanek verbracht, um das dort im Entstehen begriffene „Kriegsgefangenenlager“ aufzubauen.
Zwischen dem 11. März und dem 15. Juni 1942 wurden mit 43 Transporten mehr als 45.000 Menschen aus dem „Großdeutschen Reich“ in die sog. „Transitghettos“ des Lubliner Distriktes und (ein kleinerer Teil) in das Warschauer Ghetto deportiert.
Aus unserem Kreis wurden mindestens 140 Menschen am 22. März, am 22. April, am 30. April bzw. 3. Mai und am 15. Juni 1942 in den Bezirk Lublin deportiert. Dieser letzte Transport markiert das Ende der dritten Deportationswelle. [s. Listen]

den 13. Juni (1942)
Liebe Kinder! Nun müssen wir uns von Euch verabschieden, denn wir wissen nicht, wann wir wieder schreiben können. Johanna war gestern hier, fährt wohl mit uns, worüber wir sehr froh sind.

Die Postkarte von Lotte Löwenherz aus Schweden an ihre Eltern in der Burgstr. 5 (= Napps Fabrik) geht am 24.06. (1942) zurück an den Absender. Der Adressat ist „unbekannt verzogen“.

Mit dem Transport am 15. Juni 1942 nach Izbica mussten auch Hermann und Else Löwenstein Düren verlassen.

Vierte Welle: Minsk, Riga, Theresienstadt

Köln-Theresienstadt 15.06.1942
Köln-Minsk 20.07.1942
Düsseldorf-Theresienstadt 21.07.1942
Aachen/Düsseldorf-Theresienstadt 25.07.1942
Trier/Köln-Theresienstadt 27.07.1942

Nach einer auf Verlangen der Wehrmacht wegen ihrer Offensive im Südabschnitt der Ostfront von der Reichsbahn verhängten einmonatigen Annahmesperre für zivile Sonderzüge, zu denen auch die „Judentransporte“ zählten, gingen nur noch wenige Transporte in den Distrikt Lublin, dazu einige nach Minsk bzw. Maly Trostinec bei Minsk oder ins Baltikum. Das lag zum einen daran, dass kaum noch unter die oben skizzierten Kriterien für diese Transporte fallende Juden im Reich lebten. Im Generalgouvernement war zudem zu dieser Zeit die „Aktion Reinhard“zur Vernichtung der polnischen Juden in vollem Gange. Der Schwerpunkt der Deportationsaktivitäten lag zudem seit etwa Anfang Juni auf den Transporten nach Theresienstadt, mit denen jetzt auch die bisher verschonten älteren Juden deportiert wurden.
Nach Minsk bzw. Maly Trostinec gingen zwischen Mai und Juli 1942 insgesamt 17 Transporte, darunter der für uns bedeutsame am 20. Juli 1942 mit 1164 Insassen von Köln aus. In diesem Zug befanden sich mindestens 32 Menschen, die in irgendeiner Beziehung zum Kreis Düren standen.
Wie gesagt, war das vorherrschende Ziel der Transporte ab Anfang Juni 1942 das Ghetto Theresienstadt. Dorthin gingen allein aus dem Großdeutschen Reich bis Februar 1945 mehr als 400 Transporte. Aus unserer Region ging am 15. Juni 1942 der erste Transport von Köln dorthin, es folgten am 21. Juli von Düsseldorf, am 25. Juli von Aachen/Düsseldorf und am 27. Juli 1942 von Trier/Köln drei weitere mit insgesamt mindestens 240 Menschen aus unserem Kreis. Nach diesen Transporten konnte der Kreis Düren als weitgehend „judenfrei“ bezeichnet werden [s. Listen].

Zusammenfassend seien hier noch einmal die Orte dargestellt, an die Dürener Jüdinnen und Juden deportiert wurden:
1. Welle: -> Litzmannstadt
2. Welle: -> Minsk und Riga
3. Welle: -> Distrikt Lublin mit Izbica und Sobibor
4. Welle: -> Theresienstadt

Ab Ende Oktober 1942 gab es für Transporte aus dem Großdeutschen Reich neben Theresienstadt nur noch ein weiteres Ziel:
-> Auschwitz.

Aachen, den 12.7.42 Meine Lieben! Damit Ihr seht, wie sehr ich mich mit Euren l. Zeilen gefreut habe, antworte ich auch sofort. Du l. Lotte wirst Dich sicher gut ohne Eure 3 Mädels erholen & den Kindern wird die Erholungszeit sicher gut bekommen. Du l. Hartwig brauchst wirklich nicht über den Tod Deiner l. Mutter traurig sein, ihr ist sicher viel Schweres erspart geblieben. Wüßte ich doch nur wo H. & E. gelandet sind; übrigens zusammen kommen wir nicht worüber ich & sicher auch Hermann sehr traurig sein wird. ...

Aachen, d. 19.7.42 Meine Lieben!
Hoffentlich geht es Dir, l. Lotte, bei Ankunft dieser Karte wieder gut. Heute muß ich mich leider von Euch verabschieden, am 25ten muß ich Aachen verlassen. Jetzt heißt es sich im neuen Heim mit starken Kräften einleben. Mit Oma Selma treffe ich zusammen, sie verläßt am selben Tag Duisburg. Versucht doch bitte mal, auch ohne genaue Adresse, mir nach Theresienstadt zu schreiben, ich werde wohl so bald nicht schreiben können.

Mit dem Transport am 25. Juli 1942 nach Theresienstadt wurde auch Johanna Fabisch, die Schwester von Hermann Löwenstein, deportiert. Ursprünglich hatte sie noch gehofft, mit den Löwensteins zusammen bleiben zu können.

Der Ablauf

Lissy Meyerhof unvermutet unter die zu Evakuierenden aufgenommen. Möbel zur Versteigerung beschlagnahmt, Transport (nach Polen oder Rußland) auf 27. November angesetzt, im letzten Augenblick verschoben, es heißt auf Januar. Man weiß nichts Genaues, nicht, wen es trifft, nicht, wann noch wohin. Täglich Nachrichten aus verschiedensten Städten, Abgang großer Transporte, Sistierungen, dann wieder Abgang, mit Sechzigjährigen, ohne Sechzigjährige – alles scheint Willkür. München, Berlin, Hannover, Rheinland … Das Heer braucht die Züge, das Heer gibt Züge frei … Alles schwankt, man wartet von Tag zu Tag. Heute ein eiliges Schreiben der Reichsvereinigung: Wer hat Kriegsauszeichnung? Soll das gegen Verschickung helfen?

Diese Eintragung vom 28. November 1941 in Victor Klemperers Tagebuch macht Verschiedenes deutlich: Was im Rückblick oft wie wohlgeordnet in seinem Ablauf erscheint, war zu seiner Zeit oft chaotisch und improvisiert, eine Erscheinung übrigens, die sich beim Blick hinter die Fassaden des nationalsozialistischen Staates sehr oft in noch viel stärkerem Ausmaß zeigt als hier. Zweitens vermitteln diese Worte die nahezu unerträgliche Ungewissheit, in der sich die Juden befanden: Werde ich überhaupt deportiert, wann und wohin? Und drittens machen sie die Qualität der Nachrichten deutlich, auf die diese Menschen angewiesen waren: Gerüchte, einzelne Wahrnehmungen von jüdischen Zwangsarbeitern bei der Reichsbahn, spärliche Informationen aus anderen Städten … Auf vergleichbare Situationen werden wir später noch bei der Behandlung des Ghettos Litzmannstadt eingehen.
Wir haben vorhin von den Listen gehört, die Eichmann Anfang 1942 von den Gestapostellen einforderte. Ob Hermann Löwenstein, der letzte Vorsitzende der Dürener Jüdischen Gemeinde, solche Listen erstellt hat, wissen wir nicht, schon gar nicht, ob er die mit bestimmten Transporten zu deportierenden Glaubensgenossen festlegen musste, wie dies wohl in Köln der Fall war. Es ist eher zu vermuten, dass dies nicht zu seinen Aufgaben gehörte.
Die Zusammenstellung der Transportlisten unterlag offiziell bestimmten Regeln. So sollten anfangs über 65-Jährige nicht erfasst werden. Trotzdem wurden auch eine ganze Reihe alter Menschen im Oktober 1941 schon nach Litzmannstadt deportiert, z.B. der am 07.07.1870 in Nideggen geborene, mithin also 71-jährige Jacob Kratz am 18.10. von Berlin aus oder der am 02.06.1873 in Düren geborene Emanuel Wolff am 30.10. von Köln aus.

Die Organisation

Die Organisation der Deportationen oblag, wie vorhin schon gesagt, dem Eichmann-Referat im RSHA. Von dort wurden per Fernschreiben die einzelnen Gestapo(leit)stellen angewiesen, bei der Reichsbahn wurden die Transportmöglichkeiten sondiert und ggfs. bestellt. So z.B. für den Transport vom 15.06.1942 nach Izbica. Das entsprechende Fernschreiben lautete:

An die
Stapo(leit)stellen Düsseldorf, Koblenz, Köln, Aachen
Dringend, sofort vorlegen, Geheim
Betr.: Evakuierung von Juden nach dem Osten
Zur Abbeförderung der für die Evakuierung nach dem Osten noch in Betracht kommenden Juden wurde mit der Reichsbahn die Bereitstellung des Sonderzuges DA 22 am 15.6.42 ab Koblenz nach Izbiza bei Lublin vereinbart. An diesem Transport sind beteiligt:
Stapostelle Koblenz mit 450 Juden einschließlich der Schwachsinnigen aus der Heil- und Pflegeanstalt Bendorf a. Rhein
Stapostelle Aachen mit 144 Juden
Stapostelle Köln mit 318 Juden
Stapostelle Düsseldorf mit 154 Juden. [=1066]
Der Transport kann ausnahmsweise mit über 1000 Juden belegt werden. Der Sonderzug DA 22 fährt am 15.6.42 um 2.08 Uhr ab Koblenz-Lützel und berührt unterwegs Köln um 3.50 Uhr und Düsseldorf-Hauptbahnhof um 5 Uhr. Von Aachen sind die Juden im Einvernehmen mit der Reichsbahndirektion Köln unter Ausnutzung von Regelzügen rechtzeitig zur Verladung nach Köln heranzubringen. Die Begleitmannschaft stellt die Stapostelle Köln, während die Abfahrtsmeldung für den gesamten Transport die Stapoleitstelle Düsseldorf übernimmt.

 Möglicherweise hat dieser „Regelzug“, mit dem die Aachener Juden nach Köln gebracht wurden, genau so in Düren gehalten wie jener Sonderzug nach Theresienstadt vom 25.07.1942, der um 9.25 Uhr in Aachen abfuhr und in Düren um 10.01 eintraf, um nach neun Minuten Aufenthalt weiter nach Neuss, Düsseldorf-Derendorf und schließlich Theresienstadt zu fahren.

Der Gestellungsbefehl

Waren die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen, kam irgendwann der Moment, in dem bei den Betroffenen der Gestellungsbefehl eintraf, ausgestellt von der Bezirksstelle Rheinland der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, jener Zwangs-Organisation, die die Nazis 1939 an die Stelle der bis dahin selbständigen Reichsvertretung der deutschen Juden gesetzt hatten:

Im Auftrag der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeistelle Köln, teilen wir Ihnen mit, daß Sie sich für einen Abwanderungstransport, der am 15. d. Mts. abgeht, ab 13.6.1942 zur Verfügung zu halten haben.
Ort und Zeit der Gestellung wird Ihnen noch durch den zuständigen Herrn Landrat bekanntgegeben werden.
Von folgenden Richtlinien und Vorschriften ersuchen wir Sie, Kenntnis zu nehmen und sie im eigenen Interesse strikt zu befolgen:
1. Die anhängende Vermögenserklärung ist für jede Person, auch für jedes Kind ohne Rücksicht darauf, ob Vermögen vorhanden ist oder nicht, sorgfältig auszufüllen und unterschrieben bei uns eintreffend bis … zur Absendung zu bringen. Den Vermögenserklärungen sind Sparkassenbücher, Hypothekenbriefe sowie alle Wertpapiere beizufügen. […]
2. An Gepäck dürfen mitgenommen werden:
1 Koffer oder Rucksack und 1 Bettsack in der Größe von cirka 70 cm Breite und 40 cm Höhe. Der Bettsack soll enthalten Betten und Bettwäsche. Der Koffer soll enthalten: Kleider, Wäsche und die persönlichen Gebrauchsgegenstände. Jedes Gepäckstück muß deutlich sichtbar mit dem Namen versehen sein. 1 Eßbesteck und 1 Eßnapf sind unbedingt mitzunehmen.
3. Jeder Transportteilnehmer hat RM 50,- zum Gestellungsort mitzubringen. […] Es wird … erwartet, daß diejenigen Glaubensgenossen, die besser situiert sind, den verarmten Glaubensgenossen die Beträge zur Verfügung stellen. […]
Wertsachen jeder Art, Gold, Silber, Platin, mit Ausnahme der Eheringe sind zum Gestellungsort mitzubringen und in einem Briefumschlag verpackt zur Abgabe bereitzuhalten. Ebenso sind die nicht verbrauchten Lebensmittelmarken und Wohnungsschlüssel in einem Briefumschlag mitzubringen. […]

Punkt 5 beschäftigt sich mit der nennenswerten Spende, die die Reichsvereinigung erwartet, und unter Punkt 6 folgt noch ein Hinweis darauf, dass es zwecklos sei, Rückstellungsanträge zu stellen und dass die Nichtgestellung zum festgesetzten Zeitpunkt staatspolizeiliche Maßnahmen zur Folge habe.
Diesem Gestellungsbefehl beigefügt ist eine 16-seitige Vermögenserklärung, die für jedes Familienmitglied einschließlich der Kinder sorgfältig auszufüllen war.
Außerdem mussten die zu Deportierenden sich, wie aus den Unterlagen eines Kölner Prozesses aus dem Jahre 1954 überliefert ist, wahrheitswidrig in einer schriftlichen Erklärung kommunistischer Betätigung bezichtigen, was zur Folge hatte, dass ihnen ein Gerichtsvollzieher eine schriftliche Verfügung als zugestellt aushändigte, durch die ihr gesamtes Vermögen auf Grund des § 1 des Gesetzes über die Einziehung kommunistischen Vermögens vom 26. Mai 1933 in Verbindung mit weiteren Vorschriften zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen wurde.

Bernhard Horn bekommt am Tage seiner Deportation nach Theresienstadt noch auf dem Bahnhof Düren per Gerichtsvollzieher eine Urkunde zugestellt, wahrscheinlich über die Einziehung seines Vermögens.

Weil sich natürlich auch immer wieder Menschen der Deportation zu entziehen suchten, bestellte die Gestapo gleich einige hundert mehr zu den großen Bahnhöfen. War die geforderte Belegungsstärke des Zuges erreicht, konnte diese „Reserve“ wieder nach Hause gehen – um auf den nächsten Gestellungsbefehl zu warten.

In dieser Situation werden sich die Dürener Juden nicht befunden haben. Ihre Zahl war, auf die Masse der anderen bezogen, zu klein, um eine Rolle zu spielen, auch ist kein Fall bekannt, dass jemand vom Dürener oder gar vom Kölner oder Düsseldorfer Bahnhof wieder in eins der Dürener Sammellager zurückgekommen wäre.

Die Sammelstelle

Ein Augenzeugenbericht schildert eindringlich, was sich in den Kölner Messehallen vor dem engültigen Abgang des Transportes abspielte:

Der erste Transport beginnt. In aller Frühe kommen die dazu Gezwungenen mit ca. 50 Kilo Gepäck beladen vor der Messehalle Köln-Deutz an. Polizei steht draußen und läßt keinen Fremden mit rein. […] Nur etwa 20 Mann sind von der Gestapo genehmigt worden, in Notfällen diesen Menschen helfen zu dürfen. Dazu gehöre auch ich. Bei sechs Transporten konnte und durfte ich diesen Menschen helfen, bis daß auch ich selber fuhr.
Wir kommen nun in die Messe. Jeder Deportierte bekommt ein Nummernschild um den Hals. Von SS-Leuten wird das gesamte Gepäck durchsucht, ob keine Wertsachen und Geld mitgeführt werden. […] Gegen Abend sind alle kontrolliert. Die Messehalle ist nun voll mit Menschen, welche sich auf ihr Gepäck setzen oder auf dem kalten Steinboden zu schlafen versuchen. Die Abfahrt soll erst in 24 Stunden sein. Wir bekommen die Erlaubnis, ihnen um vier Uhr morgens etwas Kaffee bringen zu dürfen. Wir sind glücklich, ihnen noch ein warmes Getränk verabreichen zu dürfen. Der erste Tote ist auch bereits zu beklagen: Ein kleines Baby von wenigen Monaten, was trotz seiner Krankheit mitmußte, ist bei seinem Fieber durch den Temperaturwechsel sanft entschlafen. Es braucht die Reise nicht erst mitzumachen, und wir können es noch hier beerdigen. […]
Morgens früh, gegen sechs Uhr, nach 24stündigem Aufenthalt in der Messe, kommt der Befehl zum Aufbruch. Es dämmert noch, und der Bezirk zum rückwärtigen Teil des Deutzer Bahnhofes ist im großen Ausmaß für die Bevölkerung durch Polizisten abgesperrt. Da sind nun unzählige Familien mit kleinen, nicht gehfähigen Kindern, die alle auf ihre Kinder achten müssen und dadurch praktisch nicht in der Lage sind, ihr und der Kinder Gepäck gleichzeitig zu tragen. Bis zur Messe hatten gute Freunde geholfen. Jetzt sollen wir ganze 20 Mann den Hunderten von Bittenden helfen, die alle gleichzeitig abzumarschieren haben, mit oder auch ohne Gepäck. Wie oft laufen wir vom Bahnhof bis zur Messe hin und her, um den Abfahrenden doch noch einen Teil ihres Gepäcks zu retten. Wenn der Zug einläuft, muß alles in wenigen Minuten verladen sein. Was nicht drin ist, bleibt zurück. Infolge Platz- oder Wagenmangels wissen wir wirklich nicht, das Gepäck in jedem Fall in den Zug zu bekommen, und leider muß ein Teil desselben hierbleiben. Es soll angeblich bei einem weiteren Transport mitgeschickt werden. Das war aber nie der Fall. […] Fünf Minuten nach dem Einlauf fährt der Zug aus der Halle, dem wir noch wehen Herzens die letzte Ehre erweisen. Grüßend und winkend stehen wir fassungslos auf dem Bahnhof. Das war der erste Transport nach Litzmannstadt/Lodz vom Deutzer Bahnhof, Bahnsteig 5.

Wie oben bereits einmal erwähnt, sind nach Litzmannstadt mindestens 80 Menschen deportiert worden, die eine Beziehung zum Kreis Düren haben.

Die Fahrt

Knapp zwei Monate später ging von Düsseldorf aus ein Transport nach Riga, dem auch Hilde Sherman geb. Zander aus der Gegend um Mönchengladbach angehörte. Sie hat die Deportation und eine wahre Odyssee durch mehrere Konzentrationslager überlebt und konnte Ende April 1945 mit einem der sog. Bernadotte-Transporte nach Schweden ausreisen. Zu dem Transport nach Riga am 11. Dezember 1941 waren Menschen aus rund 40 jüdischen Gemeinden aus dem Bezirk der Staatspolizeileitstelle Düsseldorf zusammengezogen worden, darunter auch rund 20 Menschen aus dem Kreis Düren, vorwiegend aus Jülich, Linnich und Titz. Sie hatten sich im Düsseldorfer Schlachthof in Derendorf einzufinden, der als Sammelstelle diente. Nach einer endlos scheinenden Nacht, die sie dort in eisiger Kälte zubringen mussten, setzte sich der aus Personenwagen bestehende Zug gegen neun Uhr am 11. Dezember in Bewegung.

In unserem Abteil herrschte eine Bullenhitze. Wir alle fielen in Halbschlaf, der keine Erquickung brachte. Am späten Nachmittag fuhr der Zug in Berlin ein, am Anhalter Bahnhof. Wir durften nicht aussteigen, um Wasser zu holen.
Am nächsten Morgen fuhren wir endlich weiter. Fast alle hatten die Schuhe ausgezogen, weil die Beine bei der Hitze im Abteil geschwollen waren und feuerrot bis zu den Knien. […] Ich war die einzige im Abteil, die nicht gewagt hatte, die Stiefel auszuziehen, aus Angst, sie wegen der Frostbeulen nicht wieder anzukriegen.
Gegen Mittag blieb der Zug auf offener Strecke stehen, kurz hinter Schneidemühl. Die Begleitmannschaft riß die Türen auf und erlaubte uns auszusteigen, um Schnee zu sammeln, zum Auftauen als Trinkwasser.
Ich konnte eine Menge Kochgeschirr mit Schnee füllen und zum Abteil hinaufreichen und war glücklich, kurze Zeit die frische Luft und die herrliche Sonne zu fühlen. Welch ein Glück, daß ich die Stiefel nicht ausgezogen hatte. So hatten wir Trinkwasser im Abteil.
Sobald alle Schneesammler eingestiegen waren, setzte sich der Zug wieder in Bewegung. […] Knapp zwei Stunden später hielten wir abermals auf offener Strecke. Erst kurz nach Mitternacht setzte sich der Zug wieder in Bewegung und fuhr nun durch bis Insterburg. Dort hielten wir am Bahnhof und durften Wasser holen. […] Die Leute aus anderen Waggons, die wir bei den Wasserleitungen trafen, sagten uns, daß der ganze Waggon voller Kinder ungeheizt sei. Mehrere hatten bereits Erfrierungen erlitten. Und in unserem Abteil gingen wir fast ein vor Hitze.
Nachdem der Zug Memel passiert hatte, veränderte sich das Bild zusehends. […] Als es dunkel wurde, blieb der Zug in der Einöde stehen. Gegen Morgen fuhren wir weiter, um nach ein paar Stunden wieder anzuhalten. Als es hell wurde, sahen wir, daß wir an einem winzigen Bahnhof standen. Keiner hatte eine Ahnung, wo wir uns befanden.
Es war bitterkalt. Aber die Sonne ging auf und tauchte die ganze Landschaft in gleißendes, bläuliches Licht.
Gegen neun Uhr morgens hörten wir Hundegebell, dann sahen wir die SS kommen. Sie pflanzten sich an beiden Seiten längs des Zuges auf. Die Türen wurden aufgerissen: „Alles raus, aber schnell!“
Dann mußten wir die Abteile saubermachen, mit bloßen Händen.
Wir wurden in Fünferreihen aufgestellt. Dann fuhr Obersturmführer K. vor, mit seinem Adjutanten „Gymnich“ und einem Schäferhund. K. stellte sich in Positur: „Ich bin euer Ghettokommandant, vom Ghetto in Riga, Lettland. Abteilung – marsch!“
Ein Mann aus unserem Transport, ein Herr Meyer, der bei seiner Frau stand und seine zwei kleinen Jungen von ungefähr drei und fünf Jahren auf den Armen trug, ging auf K. zu und fragte sehr höflich: „Herr Kommandant, ist es sehr weit bis zum Ghetto?“
Statt jeder Antwort hob K. seinen schwarzen Krückstock mit silbernem Knauf und schlug Herrn Meyer damit ins Gesicht. Die beiden Kinder fielen auf den Boden, der Schäferhund sprang Meyer an und riß ihn um. K., Gymnich und Schäferhund drehten sich um, bestiegen ihr Auto und fuhren davon. Herrn Meyers Mund war eine blutige Masse, seine beiden Vorderzähne waren eingeschlagen.
Unser Transport setzte sich in Bewegung: 1079 Menschen. Wie eine endlose Schlange wälzte er sich durch die Schneelandschaft.
Die Bevölkerung zeigte sich in den Haustüren, sehr passiv und ablehnend uns gegenüber. Nur wenn irgendwer sein Handgepäck nicht mehr tragen konnte, versuchten sie, es an sich zu nehmen. Die SS schaute dann geflissentlich weg.
Endlich tauchten von weitem niedrige, verkommene Holzhäuser auf, dazwischen stand ab und zu ein Steinhaus. Wir waren in der Altstadt von Riga, in der sogenannten Moskauer Vorstadt. Alle waren sehr erschöpft, der Schnee begann, in der Sonne zu tauen, es herrschte fürchterliches Glatteis, wie wir es noch nie erlebt hatten. Nach einer Weile bog die Kolonne scharf nach rechts ab, es ging über einen winzigen Hügel nach links auf eine menschenleere Straße, dann wurden Tore hinter uns geschlossen, und wir waren am Ziel: im Ghetto von Riga, Lettland.

Bericht des Transportführers Salitter über die Deportation nach Riga am 11.12.1941 von Düsseldorf

Über diesen Transport liegt auch ein Bericht aus einer ganz anderen Perspektive vor. Der Transportführer Salitter hat auf 8 Seiten in nüchtern-bürokratischen Worten beschrieben, was sich auf diesem Transport ereignet hat.

Ghettos, Arbeitslager

Lodz/Litzmannstadt, Riga, Minsk, Izbica, Theresienstadt

Den hier aufgeführten Orten ist eins gemeinsam: Sie waren Städte oder Dörfer mit jüdischen Stadtteilen, wie man sie in Westeuropa nie, zumindest seit dem Mittelalter nicht mehr kannte. Sie waren, mit Ausnahme von Theresienstadt, das als Ghetto von den Nazis künstlich angelegt wurde, über Jahrhunderte gewachsen und beherbergten eine große Zahl an jüdischen Einwohnern. In Lodz etwa, der zweitgrößten polnischen Stadt, waren vor Beginn des Zweiten Weltkriegs rund ein Drittel der 665.000 Einwohner Juden.

Diese Strukturen spielten den Nationalsozialisten gewissermaßen in die Hände, als sie begannen, die jüdische Bevölkerung Polens zu konzentrieren. In den größeren Städten wurden in den Stadtteilen mit der größten jüdischen Bevölkerung Ghettos eingerichtet, abgeriegelt und mit den jüdischen Bewohnern der anderen Stadtteile und des Umlandes „aufgefüllt.“ So befanden sich zur Hochzeit im Ghetto von Litzmannstadt, wie die Stadt seit der deutschen Besetzung hieß, rund 200.000 Menschen auf einer Fläche von nicht einmal vier qkm, das entspricht vielleicht der Größe der ehemaligen Dürener Altstadt. Sie wohnten, besser: hausten in Holzhäusern ohne Wasser- und Abwasserleitungen, das Ghetto war mit Stacheldraht umzäunt, wer sich den Zäunen näherte, wurde ohne Anruf erschossen.

Die Ghettos standen unter weitgehender Selbstverwaltung der Juden, ausgeübt durch den „Ältesten der Juden“. In Litzmannstadt war das Chaim Rumkowski, eine sehr umstrittene Figur, gerade auch unter seinen Landsleuten. Ihm standen 12-15.000 Verwaltungsangestellte zur Seite, die alle Angelegenheiten regelten, die in einer Stadt von 160-200.000 Einwohnern zu regeln sind.

In welch fremde Welt die rund 20.000 im Oktober/November 1941 aus Wien, Berlin, Hamburg, Frankfurt, Köln oder Düsseldorf nach dort „eingesiedelten“ Juden kamen, lässt sich sehr eindringlich in der 2007 erschienenen Ghetto-Chronik von Lodz nachlesen. Schon im September kursierten im Ghetto massive Gerüchte über die Ankunft neuer Juden, was zu verstärkten Aktivitäten zur Schaffung neuen Wohnraums führte. Zu diesem Zweck wurden u.a. viele Schulen geschlossen und zu Wohnungen für die sog. Kollektive, in denen die „Eingesiedelten“ anfangs lebten, umfunktioniert.

Als dann am 17. Oktober der erste Transport aus Wien eintraf, wurden seine Insassen bestaunt wie Exoten, da sie auch teilweise in Landestracht gekleidet waren. Der „Präses“, wie Rumkowski in der Chronik durchgehend bezeichnet wird, hieß die Neuankömmlinge willkommen und versprach, alles Menschenmögliche zu tun, damit sie sich im Ghetto schnell einleben würden. Diese Haltung galt in den ersten Wochen für alle ankommenden Transporte, auch wenn den aus den Metropolen jüdischen Geisteslebens kommenden Menschen dieses Einleben oft nahezu unvorstellbar erschien, wie eine Schilderung von Hilda Stern Cohen nahelegt:

Innerhalb der Stacheldrähte kamen uns verlehmte, überkotete Gassen entgegen. Ringsum baufällige, schmutzstarrende Budiken – halb verfallene Holzhütten –, zerbrochenes Gerät lag allenthalben an den Ecken herum; Haufen Unrat, verkrüppelte, geduckte Sträucher, die nackten verstümmelten Äste armselig in die Gegend hängend. Dazwischen aber Menschen, Frauen, Kinder, unendlich viele Kinder – in Lumpen gewickelte Skelette, barfüßig von Kot überkrustet – die neidisch auf uns noch sämtlich ausreichend, ja wohl gekleidete Ankömmlinge starrten – die uns gleichsam mit den Augen jeden Fetzen vom Leib heruntersogen. Ich fühlte die Blicke, und es war mir übel.

Es dauerte jedoch nicht lange, da schlug die Stimmung der „Einheimischen“ den „Eingesiedelten“ gegenüber radikal um. Rumkowski selbst griff sie Ende Dezember 1941 in einer seiner Reden scharf an:

Viele von Euch sind der Arbeit gegenüber geradezu negativ eingestellt. Ihr sagt Euch: Wozu sollten wir denn arbeiten, wenn es sich vom Verkauf der Habseligkeiten und den mitgebrachten Ersparnissen leben lässt? Ich werde es Euch schon beibringen zu arbeiten und sich anständig zu benehmen, ich werde Euch schon die Frechheit abgewöhnen.

Das mit den „Deutschen“, wie sie auch verallgemeinernd genannt wurden, ins Ghetto gekommene „Kapital“ in Form von Bargeld, aber auch Wertsachen und guter Kleidung hatte nämlich u.a. dazu geführt, dass die Preise für Lebensmittel auf dem freien Ghetto-Markt, den es trotz aller Bewirtschaftung auch gab, ins Astronomische gestiegen waren, was natürlich vor allem die viel ärmere einheimische Bevölkerung traf. Und die Bemerkungen zur angeblichen „Arbeitsscheu“ bezogen sich auf die Tatsache, dass für Rumkowski eine Vollbeschäftigung des Lagers der sicherste Weg zum Überleben war und er alles daran setzte, so viele Aufträge wie möglich von der Wehrmacht, aber auch vielen privaten Auftraggebern vor allem aus dem Reich für seine Textil- und sonstigen Fabriken zu akquirieren.

Es dauerte jedoch nicht sehr lange und die Lebensverhältnisse der beiden anfangs so unterschiedlichen jüdischen Bevölkerungen hatten sich weitgehend angeglichen. Es kam jetzt die Zeit, da die Neuen sogar Ziel von Spottliedern wurden:

„Es gajt a jeke mit a teke“ (= Es geht ein Deutscher mit einer Tasche) lautet der Refrain des neuesten Gettoschlagers. Er parodiert die Abenteuer der hier kürzlich angekommenen „Deutschen“, die man in jiddischer Mundart „Jeken“ nennt. In lustiger Manier wird Glück und Unglück dieser immer hungrigen und stets Essen suchenden Menschen geschildert, die von den „Einheimischen“ sogar ein wenig aufs Korn genommen und oft wegen ihrer Naivität und Unkenntnis der lokalen Verhältnisse ausgenutzt werden.

Und ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft teilten sie alle das gleiche Schicksal. Einer Statistik von Ende Mai 1942 zufolge waren von den ursprünglich rund 20.000 Eingesiedelten noch 6310 im Ghetto. Über 10.000 von ihnen waren „ausgesiedelt“, d.h. zur Vernichtung nach Chelmno gebracht worden, der Rest war an Hunger, Krankheit, durch Selbstmord oder Erschießung an den Zäunen gestorben.

Von den zwei Kölner Transporten mit insgesamt 2012 Menschen lebten noch 730, von dem Düsseldorfer Transport mit 1004 Menschen noch 400. Zwei davon waren Elfriede und Max Bachmann, 61 und 66 Jahre alt, ehemals Geschäftsführer des Dürener Schuhhauses Tack, über deren Schicksal ihr Sohn Kurt Bachmann berichtet:

Meine Eltern sind nach Lodz deportiert worden. Sie sind aus Köln transportiert worden. Ich habe meine Eltern 33 oder 34 nach Köln geholt, weil mein Vater das einfach nicht mehr erfaßte, er war so erschüttert; er glaubte so fest, er habe 40 oder 50 Jahre gearbeitet und habe seine Rente. Er habe seine Rente, und ich bräuchte nicht für ihn zu sorgen. Aber dann zerbrach das alles, und er selbst zerbrach fast daran. Dann habe ich ihn aus dem Milieu Düren herausgeholt  . . . Die Eltern sind dann am 22.10.41 mit 2014 Kölner Juden in das Ghetto Lodz deportiert worden. Das hat mir Professor Herbert Lewin gesagt, der auch 45 nach Köln zurückkam, überlebend aus diesem Lager. Er erzählte mir, 42 oder 43 seien meine Eltern verhungert. Es gab in Lodz 30 Gramm Brot, also ein Kilo im Monat, und sie sind glatt verhungert . . .

Auch die 1877 geborene Minna Behrens aus der Dürener Girbelsratherstraße oder der 1878 in Linnich geborene Leonhard Meyer starben bereits im November 1941. Von den meisten der nach Litzmannstadt Deportierten wissen wir jedoch kein Todesdatum.
Insgesamt starben im Ghetto Litzmannstadt an Hunger, Kälte und Krankheiten etwa 43.500 Menschen. Etwa 80.000 Menschen wurden 1942 in die Vernichtungslager, vor allem das nahe gelegene Chelmno, weitere 74.000 im Laufe des Sommers 1944 bei der Räumung des Ghettos nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht.

Ähnlich wie in Litzmannstadt, wenn nicht noch schlimmer, sind die Verhältnisse in den anderen Ghettos: Minsk, Riga, Lublin.

Die weißrussische Hauptstadt Minsk war schon sechs Tage nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion besetzt worden. Zu dieser Zeit lebten dort 80.000 Juden, ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Das im Juli errichtete Ghetto beherbergte schließlich 100.000 Juden. In mehreren „Aktionen“ im November 1941 wurden Tausende von ihnen ermordet, u.a. auch, um Platz für die rund 35.000 jüdischen Deportierten aus dem Altreich und dem Protektorat zu schaffen.

Sie waren, wenn sie nicht direkt zur Tötung nach Maly Trostinez gebracht wurden, in einem abgetrennten Ghettobezirk untergebracht. Die meisten von ihnen wurden in den großen „Aktionen“ Ende Juli 1942, im März und im September 1943 ermordet, wie etwa die Insassen des Kölner Transports vom 20. Juli 1942, wie dem „Tätigkeitsbericht“ des SS-Unterscharführers Arlt zu entnehmen ist:

Am 24. Juli trifft bereits wieder ein Transport mit 1000 Juden aus dem Reich hier ein. Vom 25. bis 27. Juli werden neue Gruben ausgehoben. […] Am 29. Juli werden 3000 deutsche Juden zur Grube gebracht.

Von den aus dem Kreis Düren nach Minsk Deportierten ist uns kein einziges genaues Todesdatum überliefert. Bei der Befreiung von Minsk am 3. Juli 1944 waren lediglich zehn deutsche Juden noch am Leben.

Mit der Errichtung des Rigaer Ghettos hatten die Deutschen schon wenige Wochen nach dem Überfall auf die Sowjetunion, im August 1941 begonnen. Im Moskauer Viertel, einem vor allem von Juden und armen Russen bewohnten Vorort, wurde ein mit Stacheldraht umzäunter Bereich von gerade einmal 9000 qm geschaffen, in dem anfangs rund 30.000 Juden lebten. Zu diesem Zeitpunkt waren schon Tausende Juden von deutschen Einsatzkommandos und lettischen Faschisten erschossen worden. Ende November, Anfang Dezember 1941 wurden 25-28.000 Einwohner des Ghettos im nahe gelegenen Wald von Rumbula vor vorbereiteten Gruben erschossen. Somit war Platz geschaffen für 16.000 Juden, die man zwischen Dezember 1941 und Frühjahr 1942 in dieses „deutsche Ghetto“ deportierte.

Der erste Transport in dieses fast leere Ghetto war der von Köln am 7. Dezember 1941 abgegangene, in dem sich mindestens 47 Menschen mit einer Beziehung zum Kreis Düren befanden, unter ihnen Carl, Joseph und Gustav Schwarz, zwischen 1871 und 1882 in Lüxheim geboren, über deren Rolle im religiösen Leben des Ghettos einer der wenigen Überlebenden, der Euskirchener Karl Schneider, schreibt:

Besonders muss ich die drei Gebrüder Schwarz hervorheben. Sie waren später erst nach Köln gekommen und stammten aus der Dürener Gegend. Karl Schwarz hatte eine herrliche Stimme und trug viel zur Verschönerung des Gottesdienstes bei. Zeitweilig hatte er auch schon in Köln vorgebetet. Die beiden älteren Brüder waren die Gelegenheitsvorbeter bei den Morgen-Gottesdiensten […]. Sie zählten zu den besten Stützen unserer Ghettogemeinde.

Die Kölner übernahmen, weil sie eben die ersten waren, viele wichtige Funktionen in der Ghettoverwaltung. Das Durchschnittsalter der Menschen dieses Transports betrug 40 Jahre, u.a. befanden sich in ihm 64 Kinder unter zehn Jahren. Aus diesem Transport sind 87 Überlebende bekannt, unter ihnen Hilde Adler geborene Weil, geboren am 23.09.1921 in Embken, und Benno Süskind, geboren am 14.08.1900 in Jülich.

Wenige Tage später traf der oben von Hilde Sherman beschriebene Transport aus Düsseldorf ein. Auch dieser Transport hatte mit 42 ein relativ niedriges Durchschnittsalter, ihm gehörten 76 Kinder bis zehn Jahren an. 98 Menschen überlebten aus diesem Transport, unter ihnen Johanna Kamp geborene Harf, geboren am 12.05.1911 in Wickrath, die später in Kolumbien Emil Kamp aus Embken heiratete.
Die meisten jedoch gingen an den erbärmlichen Umständen in diesem Ghetto zugrunde oder wurden bei dessen Auflösung Anfang November 1943 in verschiedene Vernichtungslager wie Auschwitz oder Stutthof deportiert.
Am Beispiel Riga lässt sich auch verdeutlichen, wie schwierig es oft ist, die Spuren einzelner Menschen zu verfolgen. Ich darf dazu aus der Arbeit von Gottwald/Schulle zitieren:

Die schon bald im KL Stutthof eintretende Überfüllung mit Häftlingen war so groß, dass es dem Kommandanten vom Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt in Berlin gestattet wurde, Transporte in die im Reichsgebiet gelegenen Konzentrationslager zu schicken. Von denjenigen, die aus dem Ghetto in Riga kamen, gelangten vorrangig Männer nach Buchenwald. Andere kamen nach Auschwitz, viele Frauen nach Neuengamme, wieder andere in die Konzentrationslager Mauthausen, Dachau, Sachsenhausen und selbst in das an der deutsch-französischen Grenze gelegene Natzweiler.
Aus diesen im Reichsgebiet gelegenen Konzentrationslagern gelangten Riga-Deportierte zur Zwangsarbeit in Betriebe der deutschen Rüstungsindustrie, so nach Bochum und Magdeburg. Häftlinge aus Riga befanden sich während der Schlussphase des Dritten Reiches im April 1945 auf den Todesmärschen von Sachsenhausen nach Brandenburg und Mecklenburg. Andere wiederum wurden von Buchenwald gegen Ende des Krieges in Richtung Leitmeritz und Theresienstadt in Böhmen geschickt, wobei es durch die chaotischen Verhältnisse und durch alliierte Bombenangriffe weitere Todesopfer gab.

Der 1902 in Müntz geborene Michael Schnitzler hatte eine solche Odyssee hinter sich: Am 11.12.1941 zusammen mit seiner Frau von Düsseldorf nach Riga deportiert, wahrscheinlich bei der Auflösung dieses Ghettos nach Stutthof überstellt, am 16.08.1944 wiederum nach Buchenwald gebracht, um von dort 1945 auf einem der sogenannten Todesmärsche nach Theresienstadt zu gelangen. Dort starb er am 20.06.1945.

Der Bezirk Lublin im Osten Polens war seit vielen Jahrhunderten ein Zentrum jüdischer Besiedlung und Kultur. In einer Reihe von Städten und Dörfern dieser Gegend stellten die Juden mindestens ein Drittel der Bevölkerung. Schon kurz nach der Besetzung Polens begannen die Deutschen damit, die Juden in Ghettos zu konzentrieren, so z.B. in Lublin selbst mit 34.000 Insassen. Diese polnischen Juden fielen als erste den Mordaktionen der „Aktion Reinhard“ zum Opfer, im Frühjahr 1942 waren die meisten von ihnen an Ort und Stelle erschossen oder im ersten funktionierenden Vernichtungslager Belzec umgebracht worden.

Izbica, 29. März 1942
An die Löbl. Israelitische Kultusgemeinde Würzburg
Weitere 2000 Juden, diesmal zum größten Teil aus Würzburg, Kitzingen, Nürnberg, Fürth, Aachen, Düren und Coblenz, sind hier angekommen.

Dazu heißt es in einem aus dem Ghetto geschmuggelten Bericht des im April 1942 von Essen nach Izbica deportierten Ernst Krombach:

Bevor der 1. Transport hier einzog, wurde Izbica von den polnischen Juden größtenteils gesäubert. D.h. von SS mit Knarre und Stöcken. Im März zog nun der 1. Transport hier ein – aus der Tschechoslowakei (Theresienstadt, wo sie schon 2 Monate waren). Der 2. Transport kam auch aus der Tschechoslowakei und damit waren auch bis heute die Posten und Pöstchen besetzt. Dann kamen die Transporte nacheinander: Aachen, Nürnberg, Aachen-Düren, […] Im Dorf selbst regiert unter Kontrolle der SS der sog. Judenrat mit seiner gesamten Organisation […]. Der Judenrat setzt sich aus den Transportleitern zusammen … ein schwerer Stand für uns Deutsche, die mit so vielen Illusionen eines kameradschaftlichen Zusammenlebens davongegangen sind.

Die Transporte von März bis Oktober 1942 in dieses Gebiet hatten oft als Zielbezeichnung „Trawniki“, doch war damit lediglich der Bahnhof an der Strecke von Warschau bezeichnet, nicht das eigentliche Ziel dieser Transporte. Von dort aus wurden die Deportierten auf die Ghettos der kleineren Städte dieses Bezirks verteilt wie Izbica, Piaski, Rejowiec, Zamosc und andere, wenn diese von ihren polnischen Bewohnern geräumt waren.

Im Getto von Izbica

Spätestens seit Anfang Juni 1942 machten sich die Nazis bei einzelnen Transporten gar nicht mehr die Mühe, die Deportierten noch in die Ghettos zu bringen. So können wir mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass der Transport am 15. Juni 1942 von Koblenz, Köln und Düsseldorf nach einem kurzen Zwischenhalt in Lublin, wo etwa 100 Männer in das Lager Majdanek gebracht wurden, direkt in das Vernichtungslager Sobibor fuhr, das seit Anfang Mai 1942 seine „Tätigkeit“ aufgenommen hatte.
Aber auch von allen nach Lublin, Majdanek, Izbica oder Sobibor deportierten Dürenern wissen wir kein einziges Todesdatum.

Absender: Emilie Meyer
Izbica a/ Wieprz
Kreis Krasnystaw
Distrikt Lublin
General-Gouvernement
Transport III - Nr. I/3
p. Adr. Ältestenrat der Juden

Liebe Schwester!
Wir kamen wohlbehalten hier an, ich hoffe, daß es dir und allen Lieben gut geht. Schicke mir bitte Geld und Lebensmittel. Gib meine Adresse Lieschen und Settchen. Dir und allen Lieben herzlichste Grüße Emilie

Henriette Loew geb. Schweitzer und Otto Loew

Als meine Eltern, die in Düren zurückgeblieben, auswandern wollten, war es schon zu spät, und sie wurden nach Polen deportiert. Die letzten Nachrichten, die wir von ihnen erhielten, kamen hier über das Rote Kreuz aus einem Konzentrationslager in Krasnystaw an. Später haben wir nichts mehr von ihnen gehört.

Hans Loew, Brief v. 18.11.1987 an Neomi Naor

Lina Schwarz-Heumann
geb. 1905 in Lüxheim

Filialleiterin bei Wertheim am Wirteltorplatz, wo auch ihr späterer Mann Kurt Heumann arbeitete, den sie wahrscheinlich erst nach ihrer Deportation heiratete.

Izbica Ich bin gesund es geht mir gut
Innigen Dank für Geldsendungen.
Lina Kurt

Eine gewisse Sonderrolle in den Deportationszielen, wohin Menschen aus dem Kreis Düren kamen, spielte das Ghetto Theresienstadt. Es war das einzige künstlich von den Deutschen errichtete Ghetto, gelegen in der ehemaligen Garnisonsstadt. In der benachbarten Festung befand sich ein Gestapo-Gefängnis.

Theresienstadt sollte zunächst der Konzentration der Juden aus dem sog. „Protektorat“ dienen, nach deren Transport in die Vernichtungslager sollten westeuropäische, vor allem deutsche Juden dort „eingesiedelt“ werden. Auf der Wannsee-Konferenz fiel dann der Beschluss, aus Theresienstadt ein „Altersghetto“ zu machen für alle Reichsjuden über 65 Jahre, für schwerkriegsbeschädigte und solche mit Kriegsauszeichnungen. Ihnen wurde auf besonders perfide Art und Weise ihr Vermögen geraubt, indem man ihnen sog. „Heimeinkaufsverträge“ verkaufte, die ihnen angemessene Unterbringung, Verpflegung und ärztliche Versorgung in Theresienstadt sichern sollte.

Henriette Schwarz geb. Loeb und Moses Schwarz

Ankunft in Theresienstadt am 25.07.1942 mit Transport VII/2 aus Düsseldorf. Moses Schwarz verstarb dort am 11.02.1943, Henriette Schwarz wurde am 15.05.1944 mit Transport Dz nach Auschwitz überstellt.

Mehr als 33.000 Menschen starben im Ghetto Theresienstadt.

Todesfallanzeige der Caroline Arensberg geb. Stein         Quelle: holocaust.cz

Mehr als 88.000 Menschen wurden von dort in die Vernichtungslager Treblinka, Majdanek oder Sobibor deportiert. Nur rund 4.000 Insassen überlebten das Lager Theresienstadt.

Von den rund 40 mit dem ersten Transport am 15.06.1942 nach Theresienstadt deportierten Dürenern sind mindestens 8 am 19. September des gleichen Jahres nach Treblinka transportiert worden, mindestens 11 im Mai und Oktober 1944 nach Auschwitz, darunter Grete und Max Isaak mit ihren Söhnen Herbert und Hans Helmut. Für diese Familie wurden in Köln Stolpersteine verlegt.

Vernichtungs-Stätten

Nach dem, was wir bisher wissen, sind jüdische Dürenerinnen und Dürener innerhalb eines Dreivierteljahres mit folgenden Transporten in den Tod deportiert worden:

Köln-Litzmannstadt 22.10.1941 -> Ghetto, Chelmno
Düsseldorf-Litzmannstadt 27.10.1941 -> Ghetto, Chelmno
Köln-Litzmannstadt 30.10.1941 -> Ghetto, Chelmno
Düsseldorf-Minsk 10.11.1941 -> Ghetto
Köln-Riga 07.12.1941 -> Ghetto, Salaspils
Düsseldorf-Riga 11.12.1941 -> Kaiserwald, Auschwitz, Stutthof, ...
Koblenz-Izbica 22.03.1942 -> Belzec, Sobibor
Düsseldorf-Izbica 22.04.1942 -> Belzec, Sobibor
Koblenz-Krasniczyn 30.04.1942 -> Belzec, Sobibor
Koblenz-Sobibor 15.06.1942 -> Sobibor
Köln-Theresienstadt 15.06.1942 -> Ghetto, Auschwitz, Treblinka
Köln-Minsk 20.07.1942 -> Maly Trostinec, Gaswagen
Düsseldorf-Theresienstadt 21.07.1942 -> Ghetto, Auschwitz
Aachen/Düsseldorf-Theresienstadt 25.07.1942 -> Treblinka
Trier/Köln-Theresienstadt 27.07.1942

 

Wer nicht in den Gettos an Hunger oder Krankheit starb, wurde weiter transportiert: nach Auschwitz, Belzec, Chelmno bzw. Kulmhof, Majdanek, Maly Trostinec, Sobibor, Treblinka – Namen, mit denen das Grauen, das Entsetzen, die Fassungslosigkeit untrennbar verbunden sind. Ob in den Gaskammern erstickt, im geschlossenen Wagen mit Motorgasen vergiftet, an der offenen Grube erschossen – die industrialisierte Vernichtung von Menschenleben in unvorstellbaren Dimensionen hat auch ihre Spuren im Kreis Düren hinterlassen.